Betriebliches Miteinander-Management statt betrieblichem Gesundheitsmanagement

Warum Unternehmer ihr „betriebliches Gesundheitsmanagement“ um ein „betriebliches Miteinander-Management“ ergänzen sollten, um auf Erfolgs- und Wachstumskurs zu gehen und warum manche von uns bessere „Unterlasser“ werden sollten, erläutert Dr. Walter Kromm, Mediziner mit Spezialsprechstunde für Führungskräfte.


Herr Dr. Kromm, wann ist ein Unternehmen gesund?
Ein Unternehmen ist gesund, wenn es stark am Markt ist. Dann sind die Arbeitsplätze sicher. Das ist etwas ziemlich Gesundes. Damit ein Unternehmen aber auf Dauer gesund bleibt, braucht es gesunde Mitarbeiter, die die Lust haben, sich mit ihren Begabungen einzusetzen.

Bei wem liegt der Schlüssel für ein „gesundes“ Unternehmen?
Bei den Menschen, die in einem Unternehmen arbeiten – also bei allen!

Viele Unternehmen glauben, dass sie das Unternehmen gesünder machen können, indem sie etwas „Gesundes“ unternehmen. Vom Obstkorb bis zum Yogaangebot ist je nach Unternehmensgröße alles dabei. Was sagen Sie zu diesen Ansätzen?
Die Wohltaten des „Betrieblichen Gesundheitsmanagements“ können richtig und wichtig sein. Solange aber das „Betriebliche Miteinander“ nicht gelingt, verpuffen selbst Aktivitäten, die direkt aus einer Kurklinik stammen könnten.

Gibt es Zahlen an denen sich die Gesundheit der Mitarbeiter eines Unternehmens messen lässt?
Man kann ziemlich genau sagen, wie hoch die Zahl der Abwesenden ist. Jährlich ist ein durchschnittlicher Arbeitnehmer ca. 20 Tage krankgeschrieben. Die Qualität der Anwesenheit bleibt jedoch oft verborgen. Nach meiner Einschätzung haben nur etwa 20 Prozent der Mitarbeiter eine wirkliche emotionale Verbundenheit mit ihrem Unternehmen. Das ist nicht viel.

Zum Wohlbefinden eines Menschen gehören gute Gefühle.

Das heißt also im Umkehrschluss, dass 80 % der Mitarbeiter nur eine geringe oder gar keine Verbundenheit mit dem Unternehmen haben. Wie entsteht diese denn überhaupt?
Zum Wohlbefinden eines Menschen gehören gute Gefühle. Das Wissen um Akzeptanz, Respekt und Anerkennung schafft diese. Wenn man anderen auf Augenhöhe begegnet, gibt man ihnen Ansehen. Wenn man sie wahrnimmt, gibt man ihnen Bedeutung. Das sind die ‚guten Gründe‘, die Menschen brauchen, wenn man ihr Engagement für eine Sache gewinnen will.

Was genau kann mit Verbundenheit bewirkt werden?
Fühlt man sich mit etwas verbunden, dann möchte man das auch erhalten! Das bedeutet, die Menschen sehen einen Sinn darin, sich für die gemeinsamen Ziele anzustrengen und einzubringen.

Was raten Sie den Unternehmen?
Erfolg ist eine Folgeerscheinung, und Arbeit ist soziale Interaktion. Ich schlage Unternehmen vor, dass sie ihr ‚Betriebliches Gesundheitsmanagement‘ durch ein ‚Betriebliches Miteinander-Management‘ ergänzen.

Warum?
Gelingt das Zusammenspiel der Menschen nicht, dann ist das eine große Wachstumsbarriere. Gelingt aber das Miteinander, dann werden Austauschprozesse in Gang gesetzt, die es sonst nicht gibt. Ich zeige Ihnen am besten die Wichtigsten dieser Prozesse in Bildern. Die Illustrationen stammen aus dem aktuellen Buch „Die Kraft der guten Gefühle“.

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Auf was kommt es genau an?
Zusammen erfolgreich arbeiten und dabei gesund bleiben, das ist das höchste Gut – für alle! Die Unternehmen sollten verlässlich auf dieses wertvolle Gut einwirken können, denn hier schlummern die Potenziale und Reserven, die Sie brauchen.

„Ein Unternehmer sollte auch ein guter Unterlasser sein.“

Stichwort Reserven – Sie sagten einaml „Ein Unternehmer sollte auch ein guter Unterlasser sein.“ Was genau meinen Sie damit?
Mit der Zeit gehen heißt für viele ambitionierte Menschen, keine Zeit zu haben. Eigentlich müssten wir „Zeitmillionäre“ sein. Zumindest müssten wir mehr Zeit haben als früher, als es noch keine Autobahnen, Schnell- und Hochgeschwindigkeitszüge, E-Mail, Handy und Internet gab. Wir stehen jedoch vor einer paradoxen Situation: Die Lebenszeit ist länger, die Arbeitszeit ist kürzer. Wir sparen überall Zeit und haben immer weniger Zeit.

Wohin geht die Zeit, die wir sparen?
Die meisten Menschen wollen zwar Zeit sparen, aber eigentlich um noch mehr tun zu können. Nicht die Zeit ist knapp, sondern wir wollen zu viele Dinge in ihr erledigen. Effektivitätssteigerung ist das oberste Gebot.
Viele der modernen Leistungsträger sind pausenlos außer Atem. Wenn sie nicht arbeiten, konsumieren sie oder treiben wenigstens Sport.

So laufen die Menschen dann fieberhaft
• vom Bürosessel ins Fitnesscenter,
• von der Paartherapie,
• zur Weiterbildung,
• vom Geschäftsessen,
• zum Erlebniswochenende.

Wie lässt sich der Teufelskreis durchbrechen?
Durch entschleunigende Beschränkung.

„Wer rastet der rostet“ hieß es früher. Wir sind aber nicht aus Eisen.

Was heißt das?
Weshalb gehen Menschen etwa auf einsame Berghütten oder ins Kloster? Ganz einfach: weil dort die Zahl möglicher Optionen etwas zu tun extrem reduziert ist. Dafür muss man aber nicht in ein Kloster oder auf eine Berghütte gehen. Ab und zu einmal nichts tun ist ein sinnvolle Art des Handelns. „Wer rastet der rostet“ hieß es früher. Wir sind aber nicht aus Eisen. Gerade leistungsorientierte Menschen sollten nicht nur entschlossene Unternehmer, sondern auch entschlossene Unterlasser sein. Unser „Betriebssystem“ braucht Erholung und Leistungsträger brauchen auch eine „Erholungskompetenz“.

Haben Sie einen Tipp für unsere Leser, wie sie zu der Erholungskompetenz gelangen können?
Ja, gehen Sie einfach einmal, wenn die Sonne scheint mit jemanden spazieren,den Sie mögen und haben Sie dabei keine Angst, irgendetwas anderes zu versäumen. Es gibt kein Medikament auf der Welt, das mehr für die Gesundheit tun kann.

Fällt es Ihnen selbst leicht ein guter Unterlasser zu sein?
Nein. Aber ich fange an, es zu lernen.

 

Über Dr. Walter Kromm

dr-krommDr. Kromm ist Mediziner mit betriebswirtschaftlicher und philosophischer Ausbildung. Er kennt die Medizin, die Unternehmen brauchen, um gesund und erfolgreich zu sein. Für ihn steht fest: Gesunde und motivierte Mitarbeiter sowie der langfristige betriebswirtschaftliche Erfolg eines Unternehmens sind zwei Seiten der gleichen Medaille – beide werden zentral beeinflusst von den Bestimmungsfaktoren guter Führung.

  • Doch was ist gute Führung?
  • Wie führt man andere und sich selbst?

Nach seiner Erfahrung dringt die Auseinandersetzung mit diesen Fragen nur sehr verhalten in die Führungsetagen der Unternehmen und in die Lehrpläne von Business Schools vor. Das möchte er durch seine Arbeit ändern. Hier mehr erfahren.

 

 

 

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Denise Kirschbaum
Leitung Marketing & Kommunikation ProSys at Prettl Group

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